TRACY SSENTAMU – Rassismus in der Kindheit

am

Mitglied bei ADAN – Afro Deutsches Akademiker Netzwerk e.V.

„Rassismus hat die Unschuld unserer Kindheit zerstört.”Tracy und ich sprechen in unserem Interview über Familie, gewaltbereite Nachbarn, zerstörte Kindheit, Bildung, Anerkennung, Liebe und fehlende Selbstliebe.

TRIGGERWARNUNG:  In diesem Interview geht es um rassistisches Verhalten, Gewalt und Diskriminierungserfahrungen. Bei manchen Menschen können die angesprochenen Themen negative Reaktionen auslösen. Bitte sei achtsam, wenn das bei dir der Fall ist.

Die afrodeutsche Studentin Tracy Ssentamu ist eine von 7 Geschwistern und heute 25 Jahre alt. Geboren und aufgewachsen ist sie in Hamm am Rhein und wohnt jetzt in Worms. Der Vater kommt aus Uganda und die Mutter ist Deutsche. Tracy und ich haben uns im November beim 1. Empowerment Workshop der Black Community Foundation Stuttgart auf Zoom kennengelernt. In diesem Talk hat Tracy bereits einen sehr starken Eindruck bei mir hinterlassen. Tracy sagt immer was sie denkt und nimmt nur selten ein Blatt vor dem Mund, auch wenn sie damit polarisiert. Ich freue mich, dass Tracy meine Einladung zum Interview für unseren Blog angenommen hat und wir ihre Geschichte und eMotionen mit Euch teilen können.

Wir befinden uns aktuell wieder im Lockdown. Tracy, wie verbringst Du diese schwierige Zeit?

Das Jahr 2020 war für mich das Jahr der Selbstreflexion. Jeden Tag führe ich ein 6-Minuten-Tagebuch, so muss ich jeden Tag die Löcher in meiner Erinnerung aufmachen und mich damit auseinander setzen. Das schöne und bestärkende daran ist, dass meine Geschwister und ich uns dann immer gemeinsam an unsere Vergangenheit erinnern. Gemeinsam können wir uns über die alten Geschichten ärgern oder drüber lachen.

Erzähl uns Gerne mehr von Deiner Familie. Wie ist dein Verhältnis zu Deiner Mutter?

Wir sind 7 Geschwister und 5 von uns haben keinen Kontakt zu unserer ungarischen Mutter. Unsere Mutter hat ihre Rolle nicht ernst genommen. Sie hat sich weder mit ihrer Mutterrolle auseinander gesetzt, noch wie es ist in Deutschland Schwarze Kinder großzuziehen. Es war ihr egal. Aber sie hat definitiv einen Fetisch für Schwarze Männer. Man kann ganz klar sagen, die Ehe meiner Eltern war unharmonisch aufgrund von kultureller Differenzen. Es herrschte Uneinigkeit über Erziehungsmaßnamen.

Erzähl von Deinem Vater.

Mein Vater ist mit 21 Jahren aus Uganda gekommen. Er hat alles für meine Mutter getan. Sie musste nie arbeiten und er hat ihr alles gekauft was sie sich wünschte. Mein Vater hat immer sehr viel und hart gearbeitet. Er hat aus eigener Kraft ein Haus für uns alle in einem 1000-Seelen Dorf gebaut. Er wohnt da bis heute. Aber er lebt sehr zurück gezogen. Mein Vater hat keine Freunde. Seine Haltung ist: Finger weg vom weißen Mann! Am besten ist es kaum Interaktionen zu haben. Mein Vater kann komplett alleine bleiben. Das scheint ihn nicht zu stören. Er sagt selbst über sich: Ich bin ein Sigma-Typ.

Wie ist Dein Verhältnis zu ihm?

Mein Vater war für mich die Perfektion von Mensch. Ich habe nie was an ihn ran kommen lassen. Er hat mir vorgelebt stark zu sein – ich habe mich immer stark an ihm orientiert. Ich warte nicht darauf bis mir was geschenkt wird. Ich nehme mir was ich brauch. Wenn ich in einen Raum komme, bin ich da. Ich bin immer sehr präsent. Mein Vater kam aus dem Krieg und sein Vater wurde früh umgebracht. Er hatte die Kraft hier her zu kommen und ein Haus zu bauen. Er ist so gut wie nie krank. Mein Vater hat auch hohe Erwartungen an mich. Ich habe regelmäßig Kontakt zu ihm. Er schick mir sehr viele Videos von und über Uganda, aber auch immer wieder mal über Frauen und Männer in der heutigen Generation. Doch ich identifiziere mich gar nicht mit dem typischen Frauenbild, dass in diesen Videos dargestellt wird. 

Wie war Euer Leben als afrodeutsche Familie in Hamm?

Die Nachbarschaft war uns gegenüber sehr Gewaltbereit. Meine Geschwister und ich wurden als Kinder von anderen Kindern angegriffen. Sie haben die Hunde auf uns gehetzt. Mein großer Bruder war ständig in Schlägereien verwickelt. Dort hatte es eine ganze Familie auf uns abgesehen. Auf ihrem Autoaufkleber stand: Mein Land meine Regeln! Es wurde das N-Wort in unser Auto geritzt und mit Kreide auf die Straße vor unserem Haus geschrieben. Wir wurden oft mitten in der Nacht raus geklingelt.

Wie ging Deine Mutter mit diesen Anfeindungen um?

Meine Mutter ist sehr impulsiv. Ich sag nur – White Fragility! Meine Mutter hat das ganze Leid auf sich genommen. Sie hat uns nie in Schutz genommen. Sie war nie auf Elternsprechtagen. Meine Mutter schaffte es nicht einmal unsere Schularbeiten zu unterschreiben. Sie hatte einfach kein Bock auf alles. Meine Mutter hat mich mit 17 vor die Tür gesetzt. Davor hat sie das mit meinem großen Bruder und dann mit meiner große Schwester gemacht. Sobald wir nicht mehr die süßen schwarzen Kinder waren, mussten wir gehen. Mein Vater hatte Angst sich gegen sie zu stellen, denn wenn die Frau weg ist, kommt das Jugendamt und nimmt ihm die restlichen Kinder vielleicht weg. Er hatte gehofft, dass sie sich irgendwann ändert.

Was hat das mit Euch Kindern gemacht?

Wir Kinder sind wie Pfannkuchen. Die ersten gehen immer schief! Ich fühl mich alt, weil ich genau weiß das meine Kindheit mich zu schnell hat erwachsen werden lassen. Meine Jugendphase konnte ich nicht ausleben. Ich musste nach der 10. Klasse die Schule abbrechen, um zu arbeiten. Erst mit 21 Jahren hatte ich nochmal die Chance wieder in die Schule zu gehen um mein Abitur nachzuholen. Es war eine schwierige Erfahrung als 22 Jährige in der 12. Klasse zu sein. Meine guten Leistung wurden meinem Alter zugesprochen, als hätte ich nicht auch hart dafür arbeiten müssen. Es hieß immer: War ja klar, dass Du das in Deinem Alter schon kannst. Heute arbeite ich dual im Studium.

Meine große Schwester hat eine strake Abneigung gegen Schwarze Männer. Sie findet sie abstoßend. Sie identifiziert sich null mit Herkunft. Sie hat immer weiter Anerkennung von weißen Menschen gesucht und sich dabei selbst verleugnet. Ich gebe meiner Mutter die Schuld. Meine Mutter hätte diese Identitätskrise auffangen sollen. Meine kleine Schwester hat alles verdrängt. Sie war als Kind sehr introvertiert. Ich bin diejenige die reflektiert ist und das Streben nach Bildung und Wachstum hat.

Wie bist Du mit 17 Jahren alleine durch’s Leben gekommen?

Zu der Zeit hatte ich zum Glück einen Partner, zu dem ich erstmal gehen konnte. Dann bin ich in die Schweiz zu meiner Schwester. Später mit 19 Jahren, bin ich mit meinem Freund zusammen nach Mannheim gegangen und habe viel in Bars gearbeitet. Damals habe ich so viele Sachen gesehen, die ich nicht hätte sehen sollen. Zum Glück bin ich nie abgerutscht.

Dein Freund ist Schwarz. Stehst Du, im Gegensatz zu Deiner Schwester, eher auf Schwarze Männer?

Ich war noch nie mit einem weißen Mann zusammen. Es gibt zwar natürlich wunderhübsche weiße Männer, aber für mich war die Stärke, die ich in einem Schwarzen Mann gesehen habe unübertroffen. Ich war aber mal in einen weißen Mann verliebt. Doch von seinen Freunden wurde ich am meisten diskriminiert. Er wusste nicht wie er sich verhalten sollte und hat nie eingegriffen und mich nie verteidigt. Daher besinne ich mich lieber auf die Menschen die mir ähnlich sind.

Was empfindest Du, wenn Du eine weiße Mutter mit Schwarzen Kindern siehst?

Ich empfinde eine sehr starke Abneigung, aufgrund meiner schlechten Erfahrungen mit meiner eigenen Mutter. Weißen Müttern und Schwarzen Kindern rate ich sich wirklich ernsthaft mit Rassismus auseinander zu setzen. Mittlerweile habe ich eine hohe Schutzmauer gegen über weißen Menschen aufgebaut. Früher habe ich differenziert, heute fällt mir das extrem schwer. Wenn ich aber das Gefühl habe, dass mein Gegenüber ein gutes Herz hat und es wirklich ehrlich meint, dann bin ich schon bereit mich zu öffnen.

Was hast Du an Deutschland?

Papiere! Deutsche Papiere sind ein Freipass für die Welt. Der deutsche Pass öffnet mir weltweit Türen. Ein weiterer Türöffner ist die Bildung. Auch wenn sie hier in Deutschland einige Macken hat.

Was hasst Du an Deutschland?

Deutschland ist meiner Meinung nach emotional tot. Im Land herrscht keine Liebe. Dein/e Partner*in stirbt und Du darfst nur zwei Tage von der Arbeit frei nehmen. Der Tot ist ein Geschäft. Beerdigung ist ein Geschäft. Und sobald man unter der Erde ist, ist man vergessen. Man ist hier mehr bei der Arbeit als zuhause bei seiner Familie.

Was soll sich für Dich in Deutschland ändern?

Ehrlichkeit. Reflektion. Deutschland soll aufstehen und seine Fehler anerkennen. Deutschland hat die durch die Kolonialisierung traumatisierten Menschen sich selbst überlassen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s