AXEL BRAUCH „Ich bin für Gleichstellung! – statt „Ich bin gegen Diskriminierung!”

Regisseur, Schauspieler, Musiker und Kommunikationstrainer.

Axel ist heute 43 Jahre alt und in Karlsruhe geboren und aufgewachsen. Wir kennen uns von unserer wunderbaren Zusammenarbeit beim Bürgertheater 2019 zu “Troja. Macht.Krieg” in der Karlskaserne Ludwigsburg. Axel reagierte sehr offen und interessiert auf meinen Aufruf zu unserem eMotions-project und bot mir seine Unterstützung an. Seither hatten wir schon einige sehr anregende Gespräche über unsere Erfahrung mit Diskriminierung. Er nahm an unserem Austausch in unseren ZoomTalks teil und ist mit seiner beeindruckenden Stimme Mitwirkender in unserem Projekt.

Wie identifizierst Du Dich? “He or She”? 

Schon “He”. Ich mag aber in der Zwischenzeit den Begriff „queer“ so gerne. Das macht die Welt irgendwie größer, führt zu einem anderen Mindset. Ich weiß, dass ich mich als männlich identifiziere. Das heißt aber nicht, dass ich ganz typisch männliche Attribute die ganze Zeit mit mir rumschleppe. Ich erlaube mir auch weiche und als feminin geltende Züge.

Wie ist Deine sexuelle Orientierung? 

Definitiv Queer. 

Du bist von Beruf Schauspieler und Regisseur. Was bedeutet Dir Deine Arbeit? 

Der schönste “Scheißjob” der Welt! Einerseits ist das Theater meine größte Ausdrucksform um neue Dinge auszuprobieren, aber andererseits folgt das deutsche Theater eher den hierarchischen, Machismo gesteuerten Systemen der Welt. – Alte weiße Männer in Machtpositionen, die nach Gutsherren-Art Theater führen. Da fühle ich mich dann nicht zugehörig, denn wenn das passiert, kann es ein schrecklicher Ort sein. Diese Welt ist geprägt von verbalen Beleidigungen, Machtmissbrauch, Mobbing und sexuellen Übergriffen. Eine aktuelle Umfrage in der Schweiz gibt an, dass 80 Prozent der Künstler*innen in den letzten zwei Jahren mindestens einen Übergriff erlebt hätten. Das ist schon echt krass.
Ich selbst bin an Stadttheatern, Staatstheatern und in der freien Szene tätig. Ich mag den Wechsel. An den großen Theatern hat man zwar eine bessere Infrastruktur, die es einem erleichtert Vorstellungen und Ideen zu realisieren, doch ich bin ein Revoluzzer und Rebell. Deshalb brauche ich auch die Freie Szene. Ich liebe den Wechsel zwischen Schauspiel, Regie und Musik und arbeite fast immer spartenübergreifend. Genau das ist leider oft schwierig an deutschen Theatern.  

Worauf kommt es Dir bei Deinen Stücken an? 

Das ist von Stück zu Stück unterschiedlich. Ich arbeite gerne am Menschenbild um Klischees aufzubrechen. Dabei nehme ich mich aktueller gesellschaftsrelevanter Themen an, um sie auch in historischen Themen wieder zu finden. Als Regisseur versuche ich immer Texte, Stoffe und Stücke zu finden, die etwas mit unserer heutigen Welt zu tun haben. Ich hoffe, dass sich in den Köpfen der Zuschauer*innen anschließend was bewegt hat. Ich mache gerne genderqueere Besetzungen. Bei mir können alle alle Rollen spielen. Mir geht’s vor allem um ihr Können. Manchmal ist es ganz interessant hier ein Umdenken zu provozieren. 

Wie würdest Du Deine Arbeitsweise mit Schauspieler*innen beschreiben? 

Auf jeden Fall sehr integrativ. Ich gebe niemanden vor, wie etwas zu spielen ist. Arbeite am liebsten prozess- und teamorientiert. Sie sind ja schließlich eigenständige künstlerische Persönlichkeiten. Es braucht eine strake Vision, der man folgen kann, aber auch eine ganz große Freiheit im Vorgang. Ich weiß ja auch nicht alles besser. Ich habe eine Idee, was ich vermitteln will. Man findet heraus, welche Form, welche Abstraktion interessant ist und dann macht man sich gemeinsam auf den Weg.

Hast Du in Deiner Arbeit schonmal Diskriminierung erlebt?

Einmal hieß es: “Das Publikum darf nicht merken, dass du schwul bist!”. Ich glaube aber es gibt keine Schauspieler*innen, die solche, oder sehr ähnliche Sätze nicht kennen. Jede Kritik kann ganz schnell persönlich werden, oder besser gesagt ist immer persönlich, denn das bin ja alles ich. Ich hoffe, dass ich da einen anderen Weg gefunden habe Kritik zu äußern. Auf jeden Fall arbeite ich daran andere Kritik zu geben.

Ich selbst scheine als Schauspieler im Theater lange für Kinder, Stricher und Tiere zuständig gewesen zu sein. Das hat mich inhaltlich so genervt. Ich bin doch gedanklich schon längst ganz wo anders. Ich kann Väter und Massenmörder auch ganz toll spielen. Packt mich doch nicht in eine Schublade! Aber ich kann nicht bewusst sagen, welche Rollen ich absichtlich nicht bekommen habe, weil ich so bin, wie ich bin. Theater ist viel weniger durchlässig als viel denken, weil man das angeblich Zuschauer*innen nicht zumuten kann. Da finde ich die Oper viel unproblematischer. Da kann die Kollegin aus Spanien auch Wagners Brunhilde spielen. In der Oper geht es mehr um die Gesangsstimme als um die Optik. Das Aussehen und die Typisierung ist hier nicht egal aber ein bisschen egaler. Diverse Familienkonstellationen kommen als Rollenbesetzung im Theater nicht glaubwürdig rüber, heißt es oft. Das langweilt mich sehr. Auf der anderen Seite wird gerade darüber diskutiert, wer im Film welche Rollen spielen darf und wer nicht. Ich fände es super, wenn auch Trans – Personen alles spielen dürften. Sonst dürfte ich ja auch nur noch schwule Männer spielen. Das würde mich auch echt langweilen, nur noch mich selbst zu spielen. Wenn ich mich gar nicht mehr an ein Experiment traue, dann muss ich den Job wechseln. Es muss auch ein bisschen Risiko geben, dass es schief gehen könnte. Wenn ich es an die Wand fahre, dann volles Brett!

Hast Du privat schonmal Diskriminierung erlebt?

Ich hatte fast immer irgendwie Glück. Meistens habe ich mich in Positionen begeben, in denen ich mich unangreifbar gemacht habe. In manchen meiner Positionen im Leben, war es irgendwie ok anders zu sein und wenn ich mich an exponierter Stelle befand, trauten sich wenige Menschen etwas zu sagen. Bei Menschen die mich beschimpft haben, da habe ich früh gelernt sie aus meinem Leben zu schmeißen. Ich erinnere mich an Sätze wie: “Es wäre mir lieber, wenn Du ganz normal wärst.” Im Nachhinein würde ich sagen, das kam, weil es für die anderen Personen einfacher gewesen wäre mit mir umzugehen. Ich habe mir Wahlfamilien gesucht. Ich bin nie verprügelt worden – bin nie in eine richtig brenzliche Situation geraten, auch wenn ich sicher auffällig rumgelaufen bin. Ich hatte viel Glück!

Was würdest Du Deinem jüngeren Ich sagen? 

Sei noch ein bisschen mutiger! Sei noch ein bisschen verrückter! Versuche es nicht Menschen recht zu machen, die es nicht wert sind, dass man es ihnen recht macht…
Und sei manchmal nicht ganz so höflich!

Welche Sätze triggern Dich? 

“Das haben wir schon immer so gemacht!” und “Das haben wir noch nie so gemacht.”

Was hasst Du an Deutschland? 

Borniertheit und Engstirnigkeit – Das macht mich wirklich wütend! Gerade weil wir es noch nie so gemacht haben, sollten wir es eben ausprobieren. Sich an Traditionen klammern, die eigentlich schon längst überlebt sind macht mich wahnsinnig. Das habe ich in anderen Ländern nicht so als Standard wahrgenommen. Aber mit populistischen Rechtsradikalen, homofeindliche Parteien, damit sind wir hier nicht alleine auf der Welt. Das hasse ich an diesem Planeten!

Was hast Du an Deutschland? 

Was ich hier alles habe kann ich gar nicht aufzählen! Ich habe hier ein Land in dem ich alles sagen darf, was ich sagen will, ohne mit Sanktionen rechnen zu müssen. Ich kann in Deutschland meine Sexualität und meine Kunst frei leben. Hier gibt es so tolle Menschen, die aus ganz unterschiedlichen Kontexten kommen, mit denen man zusammenarbeiten kann. Mit dem, was wir hier in diesem Moment tun, sind wir bereits in einer privilegierten Position. Schau mal nach Polen oder nach Ungarn. Nicht alles, aber viele viele Dinge sind verdammt gut. Ich darf kämpfen, demonstrieren und in Talkshows gehen, um meinen Punkt öffentlich klar zu machen. Ich darf in einem großen Rahmen ganz viel sagen.

Es ist immer besser für etwas zu sein, als dagegen. z.B.: Ich bin für Gleichstellung – statt ich bin gegen Diskriminierung. Mit dem dafür kann ich was Neues schaffen! Gegen – da kann ich zwar draufschlagen, aber das bringt mir keinen neuen Denkimpuls.

Foto bt Robert Schitko

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